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Es ist angerichtet

Kurfürst


Releasejahr: 2010
Stil: Rock
Referenzen: D-Projekt, Echt, Waiting 4 Steve,
Label/Verlag: sonstige
Artistpage: http://artists.sound7.de/kurfuerst

»Kurfürst« schmeißen ihren Longplayer-Erstling unters Volk, und ich bin mit der Aufgabe ausgestattet worden, diesen näher zu betrachten.
Doch vorweg: Der 6er hat schon alleine mit der Herkunft gewonnen. Wer kann schon behaupten, im topografisch vielseitigsten, sprachlich modernsten und aus einen der 12 Stämme Israels hervorgegangenen Bundesland zu kommen? Natürlich, nur DIE SACHSEN! :-) Wir trinken nicht nur Kaffee, um kämpfen zu können, wir sind nicht nur sexy, sondern reden auch so, wir haben nicht nur eine gute Bildungspolitik: Wir können auch ganz gut Musik machen. Das dürfte jeden regelmäßigen User dieser Seite nicht erst seit D-Projekt klar sein. Oder warum ist Sarah Brendel nach Sachsen gezogen?

Aber Spaß bei Seite: Die Kurfürsten aus der Stadt mit drei »O« (Korl-Morx-Stodt=Chemnitz) haben Potential. Das wiederum haben natürlich viele. Es ist auch nicht alles Gold, was glänzt, und der Thron, auf dem sich die Kurfürsten gerne setzen wollen, muss auch erstmal bestiegen werden. Nachdem ich nun aber meine 3 € ins Phrasenschwein gezahlt habe, muss man allerdings sagen: Wir haben es hier mit einem hoffnungsvollen, weil handwerklich und kreativ richtig guten, Album-Debüt zu tun.
»Es ist angerichtet« - na, dann viel Spaß beim Verspeisen. Das Dinieren hat meinen Gaumen durchaus erfreut. Die CD startet gleich richtig durch. Der »angerichtete« Song ist ein solider Einstieg. Alternative-Rock-Klänge begleiten ins Album. Dann auf der Tageskarte: »Der Schrei vom Balkon«. Das ist weniger ein Gericht als vielmehr einer der besten Songs des Albums. Darüber hinaus sollte jeder von euch mal auf YouTube oder der bandeigenen und echt umfangreichen Homepage vorbeischauen und den Video-Clip ansehen. Da können andere (besser bezahlte) Interpreten sich eine gehörige Scheibe von abschneiden.

Der von euch besungene »Freund« im 3. Lied ist auch meiner. Somit wirkt das musikalische Glaubensbekenntnis, geprägt von einem Ska/Reggae/Rock-Gemisch, überzeugend. Auf allgemeine Lobpreis-Floskeln wird dankenswerter Weise nahezu verzichtet.
Mit dem nächsten Track wächst eure Gunst bei mir immer weiter: Ein Hörspiel, in dem alle Album-Titel versteckt wurden. Darauf muss man erstmal kommen! Habe ich persönlich noch nie so erlebt. Dabei ist die Geschichte auch noch echt lustig geworden (Von wegen: »...beim Barte meiner Mutter!«). Es endet mit einem großen Mahl und einer Stomp-artigen-Drum-Performance, die ins nächste Lied überleitet. »Flügel der Morgenröte« groovt und beschreibt am besten den Charakter der Band. »Come« ist zwar auch ein Höhepunkt, durchbricht aber für mich das bis dahin homogene Album, da es der einzige Track in (angel-)sächsischer Sprache ist (Wäre als Hidden Track besser gekommen!). Das Lied lebt von Gesang und Akustik-Gitarre und erinnert mich vom Feeling her an »Take Me« von »Waiting for Steve«.

Die Rhythmusgruppe ist entgegengesetzt zum Titel eher nicht »Weit weg«, sondern sehr zusammen. Textlich habe ich schon wertvolleres gehört auf dieser Platte, was nicht am Thema (Beziehung) liegt. Aber das ist nur eine Randnotiz. Ungewöhnlich dabei: Druckfehler im Booklet! Und wo ist die Bridge? Bewerten wir's nich über, belassen wir's bei einer Erwähnung!
Als Vorspann fürs nächste Lied dient eine lustige Konzert-Ansage – aufgenommen in Meerane. »Rock Sue« ist ein grundsolider Song und auch »Der gute Gärtner« ist eine Runde Sache! Hier, und auch schon bei anderen Songs, klingen Kurfürst oft nach D-Projekt, was weniger an der lokalen Verbundenheit liegt. Vielmehr besitzt Sänger Dirk eine ähnliche Stimme wie Nathanael – sein Pendant des Rock-Quartettes aus Dresden. Im 6/8-Takt schwingt »Zeit für den Augenblick« daher. Dieser Song handelt vom Trennungsschmerz und passt perfekt in die Ohrmuschel an einem Sommer-Nacht-Spaziergang, während man Liebeskummer hat!
»Golgatha« ist ein tiefgehender Song über die Beziehung zwischen Gottessohn und Gotteskind. Der Refrain klingt nach Sing-Sang aus einer Lobpreiszeit. Die Strophen-Parts sind textlich weiter und tiefer, aber trotzdem oder vielleicht gerade deswegen richtig klasse. »Burg Donoscheyd« ist ein Instrumental-Song, der sich eben so gut wie »Mentira« im Album-Gesamtbild zurecht findet. »Gefühl der Sterne« wiederum soll sphärisch klingen, jedoch klingt das eher nach einer schlechten DDR-Rock-Band. Gott gibt also ein Gefühl der Sterne? Na gut, ich weiß, wie der Satz gemeint ist (Sterne = Unendlichkeit Gottes, »sichtbar« am Nachthimmel), aber wie missverständlich kann dieser eine Satz verstanden werden!? Ich finde das Bild eher unpassend, um Gottes Weite und Unendlichkeit zu beschreiben. Aber das ist nur meine Meinung!
Das Finale kommt direkt »Ins Gesicht«. Der Song handelt aber weniger vom schlagen als vom »ins Gesicht sagen«! Durch Klaviertöne und Gesang bereiten die Gebrüder Eidner den Ausgang des Albums (fehlen leider auch die Lyrics im Booklet). Der Hidden Track am Ende ist nur noch ein Dialog über das Album selbst, sächsischen Dialekt, die Prinzen, Bloodhound Gang, Erzgebirge und Pausen (!!!).

Es bleibt ein Album wie ein zweischneidiges Schwert. Denn obwohl die Kurfürsten ihren Namen alle Ehren machen, muss das Bild leider noch etwas getrübt werden. Selbstproduzierte Alben sind in den seltensten Fällen innovativ. Und wenn, dann benötigt man schon einiges an Erfahrung und sollte ein alter Fuchs sein. Hier sind ein paar Jungs allerdings noch zu grün hinter den Ohren, um das richtig professionell zu machen. Ihr habte euch echt Mühe gegeben und viel Zeit und Arbeit rein gesteckt. Dank der Kreativität, die die Kurfürsten an den Tag legen, und dem großen Aufwand ist das Ergebnis trotzdem nicht schlecht! Allerdings hätte ein externer Produzent und ein besseres Mastering dem ganzen nochmal eine Schippe drauf geben können. Vielleicht die Anzahl der Tracks um 2-3 Nummern kürzen, dafür den restlichen Liedern mehr Zeit für die Feinarbeit geben, und das Album wäre ehrlich in einer ganz anderen Liga!

Die geneigten Fans und jene, die es werden wollen, bekommen trotzdem eine volle Ladung »Kurfürst« - und das für gerade mal 10 € (für über 70 Minuten Spielzeit!). Jungs, euer Auftritt ist beachtlich, wenn man bedenkt, das kein großes (christliches) Label hinter euch steht und das Geld nicht auf Bäumen gewachsen ist. Als Debüt haben wir es hier mit einem sauguten Werk zu tun. Live braucht ihr euch sicherlich nicht zu verstecken und, wer weiß, vielleicht verhilft euch diese Platte zum Sprung zu einem größeren Label und damit verbunden ein größeres Budget für Mastering, Prduzent, Equipment...
So dient ihr als ein Paradebeispiel, was man alles leisten kann mit viel Kreativität, handwerklich gutem Musizieren und viel Zeit und Arbeit!


Von Lukas Gotter
15.06.2010

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Autor: Lukas Gotter
65%
User Rating:
78%
67 Bewertungen


Jetzt bewerten:
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Legende:
1 - 10Katastrophal: Ergreift die Flucht!
11 - 20Schlecht: Kaum besser als ein leerer Rohling.
21 - 30Enttäuschend: Klingt wie ein Mitschnitt aus dem Proberaum
31 - 40Schwach: Bestenfalls Kreisklasse.
41 - 50Durchwachsen: Gut hörbar, aber ziemlich belanglos.
51 - 60Solide: Kann man auch mal lauter hören, ohne dass einem jemand aufs Dach steigt.
61 - 70Gut: Gute Platte. Sicher nicht nur für Genrefans interessant.
71 - 80Sehr gut: Ein echtes Klassealbum, besticht durch gute Musik und Texte.
81 - 90Herausragend: Absolut herausragendes Top-Album.
91 - 100Jahrhundertwerk: Jetzt schon ein Klassiker!


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